vom Wynentaler "Savoir-Vivre" und vereisten Spazierwegen
Eigentlich hätte mein Freitagslexikon-Blogbeitrag bereits am Freitag erscheinen sollen. Doch das Leben – oder besser gesagt: das Glatteis – kam dazwischen.
Wenn Fussgänger vergessen werden
Manchmal frage ich mich, ob Fussgänger im Winter vergessen werden. So wie im Moos zwischen Reinach und Zetzwil. Naherholungssuchende, Sportler (ja, es gibt tatsächlich auch Jogger im Winter – und das ist nicht ungefährlich!) und Spaziergänger verlagern gerade im Winter ihre Aktivitäten sehr gerne ins Moos. Es ist flach und unkompliziert. Während die Strassen und Gehwege in den Gemeinden schwarz geräumt werden, wird das Spazieren im Moos zu einem Akt der Balance, einem Test des Gleichgewichtssinns, begleitet von Fallübungen.
Warum? Festgetrampelter Schnee wird irgendwann zu Eis und das Gehen darauf zur tückischen Falle. Nicht selten kommt es zu schmerzhaften Stürzen. Ich mag mich erinnern, dass das Moos oftmals mit Splitt gestreut wurde, um das Spazieren etwas sicher zu machen. Diesen Winter war dies jedoch kein Thema.
Am Freitag durfte ich schmerzhaft erfahren, wie real diese Gefahr ist: Ein heftiger Sturz; Schulter, Arm und Bein geprellt, verdreht, verstaucht. Beinahe zwei Kilometer durfte ich zum Auto zurück humpeln. Vor lauter „Humpeln“ kam mir Walter Moers und das Buch „Die Insel der tausend Leuchttürme“ in den Sinn. Nicht weil es dort Glatteis hat, aber garstige Wetterbedingungen und ein „Humdudel“, welches das Wetter in einer bemerkenswerten Ungenauigkeit voraussagte. Die scheinbar eisfreien Wege vermittelten irgendwie genau das Gefühl von Sicherheit versus Eis. Die Folge davon wäre im Grunde ein Arztbesuch gewesen. Nur: Freitagnachmittag, Sportferien, Wochenende – kein guter Zeitpunkt für einen Unfall. Ich habe das mal auf diese Woche verschoben.
Savoir-vivre in der Ferne
Ein unaufschiebbarer Termin führte mich am Samstag trotz kaum belastbarem Bein nach Murten. Für den Kopf war es eine Wohltat. In den Lauben flanieren, die kleinen Läden entdecken und in einer Brasserie das „Savoir-vivre“ spüren – dieses Gefühl, zu leben „wie Gott in Frankreich“, fühlte sich nach Ferien an. Es ist dieses unkomplizierte Miteinander, das uns im Wynental oft abhandengekommen ist. Vielleicht liegt es daran, dass wir ein Tal sind, oder daran, wie stark sich unsere Gesellschaft verändert hat.
Beton, Toleranz und der Faktor Mensch
Das bringt mich direkt zu den Nachrichten im Wynentaler Blatt: Allein in Reinach sollen in den nächsten vier Jahren beinahe 600 neue Wohnungen entstehen. Das stresst die Menschen. Es geht um den Verlust von günstigem Wohnraum und eine enorme Belastung für unsere Infrastruktur. Die Sorge um eine stärkere Überfremdung und der Verlust der eigenen Identität ist ein ernstzunehmendes Thema, das in den sozialen Medien viel diskutiert wird.
Ehrlich gesagt: Die Kommentare liegen meist total unter der Gürtellinie, was schade ist. Aber anders können viele ihre Ohnmacht und das Unverständnis nicht ausdrücken. Es ist der Verlust der Herkunft und der Identität, der verunsichert. Die Angst vor der Veränderung und das Erkennen, dass die Welt sich wandelt. Ein Abschiednehmen einer Generation von ihren Lebensgewohnheiten und ihrer Heimat, in der sie sich selbst nicht mehr wiederkennt. Wir erwachen in einer digitalen Welt, in der wir versuchen, mit unserem langsamen Geist Schritt zu halten. Wir können es nicht. Deshalb verlieren wir oft den Boden unter den Füssen.
Es braucht immer einen ersten Schritt
Vereiste Wanderwege können wir splitten, um den Weg sicherer zu machen. Den Wohnungsbau können wir nicht aufhalten, aber wir können uns in Toleranz üben. Ein Miteinander ist weniger anstrengend als ein Gegeneinander. Aber wie entwickeln wir ein Zusammengehörigkeitsgefühl? Wo bleibt das „Wynentaler-Savoir-vivre“?
Ich habe gelernt: Wenn man den ersten Schritt macht, kann man so viel erreichen. Am 31. Dezember haben wir uns nicht über die Feuerwerke geärgert, obwohl meine Hündin vor Schreck beinahe gestorben wäre. Und das ist keine Metapher sondern leider ein sehr ernstes Thema. Das Thema der Sinn-befreiten-Knallerei. Aber...davon in einem anderen Blog. Stattdessen , also statt uns den 31. Dezember 2025 zu vermiesen packten wir Champagner und Gläser ein, besuchten spontan liebe Nachbarn und Freunde – unsere Hunde natürlich immer dabei – und wünschten ihnen ein schönes 2026. Es war ein Superabend mit vielen Lachern und einem Gemeinschaftsgefühl, das so gut tat.
Es braucht immer einen ersten Schritt. Nicht nur auf dem Mond, sondern auch im Oberwynental. Wobei ich den ersten Schritt hier im Oberwynental sogar irgendwie wichtiger und bedeutender finde als denjenigen auf dem Mond…
Herzlichst, Eure Savoir-Vivre-Suchende Blogschreiberin aus dem Oberwynental
und...ich freue mich immer sehr über Eure Kommentare. Ob direkt per WhatsApp oder hier im Blog :-)
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