Die Schweizer stehen früh auf - aber erwachen spät (Jean-Pascal Delamuraz, Alt-Bundesrat)
Die Schweizer stehen früh auf – aber erwachen spät
Das Zitat des damaligen Bundesrats Jean-Pascal Delamuraz, welches BFE-Direktor Benoît Revaz zum Abschluss des Stromkongresses 2026 anführte, passt leider nur zu gut zu einem Thema, welches die Schweiz vor riesige Herausforderungen stellt: die Energieversorgung. Der Stromkongress 2026 bot 500 Teilnehmern aus Wirtschaft, Politik und Entwicklung eine Plattform für Podiumsgespräche, Interviews und Vorträge. Er endete mit einer spannenden, aber auch ernüchternden Bilanz zum Stand unserer Energiepolitik.
Das Netz als Achillesferse
Gemäss dem VSE-Stromversorgungs-Index 2026 kann die Schweiz die Ziele bis 2050 nicht erreichen. Ein Hauptgrund dafür ist unter anderem das veraltete Stromnetz, welches den heutigen Anforderungen nicht mehr genügt. Das Netz ist die Achillesferse: Wir brauchen dringend mehr Kapazität, damit es auch – als Beispiel – bei Stromrückeinspeisungen, wie sie Eigentümer von Solaranlagen vornehmen, nicht kollabiert. Ab 2026 gilt übrigens, dass nur noch 70 % des erzeugten Stroms rückgespiesen werden können. Sonst wäre die totale Überlastung des Netzes die Folge. Ein modernes Stromnetz beinhaltet unter anderem eine höhere Leistungsfähigkeit und intelligente Trafostationen. Kurz gesagt: ein intelligentes Netz.
Der Preis der Digitalisierung
Der Stromverbrauch steigt. Man rechnet damit, dass sich der Stromverbrauch bis 2035 ver-2,5-facht. Die Gründe dafür sind unter anderem:
E-Mobilität: Viele Elektroautos sollen meist gleichzeitig aufgeladen werden. Das kann zu Kapazitätsengpässen führen.
Rechenzentren: Cloudlösungen für alle Bereiche laufen rund um die Uhr und verschlingen wie ein „Nimmersatt“ Energie im Terawatt-Bereich pro Jahr.
Kryptowährungen: Hier geht es um imaginäres Geld, welches nie sichtbar ist, dessen Energieverbrauch jedoch halbe Dörfer mitheizen könnte.
Schlussendlich ist die KI (Künstliche Intelligenz) der grösste Energieverbraucher, den wir im Moment „füttern“. Da unterdessen jede kleinste Frage nicht mehr über Google, sondern über KI-Chats gestellt wird, wächst dieser Bedarf rasant.
Windkraft im Wynental: Wunschdenken vs. Realität
Adaptiert man dies aufs Wynental, sieht man an den drei geplanten Windkraftanlagen bei Rickenbach (Luzerner Grenze), wie schwierig die Umsetzung ist. Im Grunde sind diese drei 180 Meter hohen Anlagen sinnlos: Ökologisch ein Desaster und punkto Rentabilität hilft wohl auch kein Blick in die Kristallkugel.Windtechnisch ist das obere Wynental besonders im Winter nicht sehr relevant.
Unser Klima im Winter ist feucht und kalt. Das sieht man deutlich am sogenannten Haareis, welches sich am Stierenberg wie auch am Homberg im Winter überall bildet. Diese filigranen Kristalle entstehen bei hoher Luftfeuchtigkeit und Temperaturen um den Gefrierpunkt. Dass sich dieses Klima auch auf den Windradflügeln niederschlägt und es zu Eisflug kommen kann, ist eine logische Schlussfolgerung. Bei Eisfluggefahr muss die Anlage abgestellt werden. Es ist also zu befürchten, dass die Windenergie im Winter, wenn die Sonne schwach ist, ihre Aufgabe als Lückenbüsser nicht erfüllen kann.
Ein kleiner Trost: Hier im Oberwynental scheint die Sonne im Vergleich zum unteren Wynental und zum unteren Seetal bedeutend öfters. Unsere Lage ist daher idealer für Photovoltaik, besonders wenn man den Nebel bedenkt, der weiter unten in Richtung Aarau dominiert.
Innovationen und neue Wege
Zurück zum Stromkongress: Ein Blick auf die Referenten zeigte, dass Hitachi Energy (vormals ABB) einen interessanten Vortrag hielt. In der Presse kaum erwähnt, ist dies für unsere Region besonders wichtig: Hitachi baut in Lenzburg neuartige Halbleiter, um den Energieverlust beim Aufladen von E-Autos oder bei Windrädern zu minimieren. Während in Lenzburg produziert wird, wird in Baden bei Hitachi Energy weiter geforscht. Der Aargau wird dem Namen „Stromkanton“ gerecht.
Windräder gehören eigentlich zu einer alten Methode der Stromgewinnung. Wir müssen die Grenzen im Denken einreissen. Es gibt spannende Ansätze, wie zum Beispiel kleine Windräder in der Autobahn-Mittelplanke (habe ich heute in einer Dokumentation gesehen), die den Fahrtwind der vorbeifahrenden Autos zur Stromgewinnung nutzen. Oder Projekte wie vibrierende „Baumstämme“ – flexible Stangen, die Energie durch Schwingung erzeugen. Windsegel, die in einer Höhe von 300 M. über dem Boden zur Stromerzeugung eingesetzt werde können. Viele solcher Varianten wurden bereits erfolgreich getestet. Scheitern tut es oft am Geld.
Demokratie unter Druck
In der Schweiz setzen wir dennoch eher auf Altbewährtes: Mit Photovoltaik pflastern wir Gebäude zu, mit Windrädern betonieren wir Hügelzüge zu und verändern das Landschaftsbild. Beunruhigend ist, dass die direkte Demokratie zunehmend als hinderlich dargestellt wird. Der Bürger wird entmachtet; plötzlich entscheiden der Staat und die Stromproduzenten über den Weg der Energiegewinnung – und nicht mehr der Stimmbürger. Diese Tendenz erkennt man mit dem Beispiel des Kanton Luzern. In Rickenbach können die Stimmbürger nicht mehr das Referendum ergreifen, wenn es um die Windkraftanlage geht.
Einig war man sich am Kongress jedoch in einem Punkt: Ohne die drei betriebenen AKWs in der Schweiz sind die Klimaziele nicht erreichbar. Sie liefern den CO2-neutralen Strom, der so wichtig ist. Und Frankreich hat zum Vergleich 18 AKW-Standorte mit 57 Reaktoren im Betrieb und produziert Strom für den Export – auch die Schweiz ist davon abhängig. Solange die Eigenproduktion im Winter nicht gesichert ist, bleiben laut Tenor am Stromkongress nur Zwischenlösungen wie neue Gaskraftwerke und der Import von (AKW- Strom).
Fazit und ein Gedanke von Jürg Rubin (VRP der EWS Energie AG)
Stromsparen nützt dennoch etwas – es fördert den bewussten Umgang mit einer Ressource, die zwar unsichtbar ist, aber riesige Infrastrukturen benötigt. Der Tenor war eindeutig: Unsere AKWs so lange wie möglich laufen lassen, bis bessere Lösungen gefunden sind.
Stromversorgung wäre übrigens nicht „minimal regional“, erklärte Jürg Rubin, VRP der EWS Energie AG auf die Frage, was er vom Energiekongress persönlich mitgenommen hätte. Immer mehr würde der Strom dezentral produziert und ins Netz eingespiesen. Vom Kongress selber habe er das Gefühl mitgenommen, dass nicht mehr nur über alles gesprochen, sondern endlich damit begonnen wird, „Nägel mit Köpfen“ zu machen.
Und noch ein Gedanke zum Schluss: Wir werden immer mehr zu reinen Anwendern statt zu Selbstdenkern. Letzten Sommer sah ich junge Menschen, die eine Geburtstagskarte mit KI schrieben. Ein Rechenbeispiel zeigt den Wahnsinn:
Eine Anfrage bei Google: ca. 0,3 Wh
Eine Anfrage bei KI: ca. 3 bis 10 Wh
Hirn selber einschalten: 0.0 Whgrosse Windräder, um nur die Strommenge von Leibstadt zu ersetzen.
Bis zum nächsten Mal, wenn es um den Strom geht – vielleicht erörtern wir dann, warum es der „Solar-Express“ nicht geschafft hat, bis Ende 2025 alle Standorte zu definieren oder „teilaufzuschalten“. Vielleicht beschäftigen wir uns aber auch mit neuen Technologien und suchen den Grund für die Schwerfälligkeit bei den erneuerbaren Energien. Oder wir sammeln Energiespartipps.
Ich bin gespannt und freue mich auf eure Rückmeldung!
Mit besten Grüssen, Dominique Rubin
PS: Wie aktuell die Debatte um alternative Strombeschaffungsmöglichkeiten und dem Beschreiten neuer Wege geht, zeigte sich übrigens heute im Ständerat. Hier hat eine Mehrheit der zuständigen Ständeratskommission den Willen, dass der Bau von neuen AKW's wieder ermöglicht wird. Die Zustimmung kam deutlich für einen entsprechenden Gegenvorschlag. Die Mitte-Links Parteien haben ein Veto eingelegt. Dennoch hat, so wenn ich richtig gelesen habe, sich die Mitte-Partei stark für die Zustimmung des Gegenvorschlags eingesetzt. Diese Meldung stosst zum Beispiel bei den Kommentaren in der Aargauer Zeitung für Unverständnis. Es ist wieder einmal eine Gretchenfrage, ob es besser ist, den Strom vom angrenzenden Frankreich zu beziehen, Atomstrom wohlverstanden und mit der Endlagerung nichts zu tun zu haben oder aktiv vielleicht neue Wege zu gehen. Die Produktion von Energie ist nicht auf Photovoltaik und Windenergie eingeschränkt. Es gibt noch viele andere Möglichkeiten. Es braucht wohl einfach Mut und Innovationsgeist, diesen Weg zu gehen.
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